entrückt
Hymnen und Madrigale von Petr Eben, Bohuslav Martinů, Benjamin Britten, Friedemann Stolte und Claudio Monteverdi

Bessiner Kammerchor
Georg Wettin, Bassklarinette
Friedemann Stolte, Leitung

Existentiellen Erfahrungen von Liebe und Leid wohnt häufig ein Drang zur Darstellung mithilfe sakraler Symbole und Metaphern inne. Umgekehrt äußert, wer starkes religiöses Erleben beschreibt, dies oft in sehr irdischen Bildern und Beschreibungen. Unser Programm vereint Chorwerke vom ausgehenden Mittelalter bis zur Gegenwart, deren Textvorlagen sich in diesem Grenzgebiet von sakral und profan bewegen und von großer emotionaler Intensität geprägt sind. Madrigale nutzen die Kraft der Muttersprache, die Freiheit jenseits sakraler Formalisierung und die assoziative, kreative Bindung an den Text, um gefühlsstarken Ausdruck für die Fragen des Lebens zu finden, die oft ins Religiöse münden. Hymnen als zumeist festliche Preisungen Gottes oder eines Heiligen suchen in umgekehrter Richtung die emotionale Kraft des Religiösen in der Schilderung ganz konkreter Lebenswirklichkeiten.
So fanden Komponisten in beiden Formen Katalysatoren für die eigene Inspiration. Mit dieser doppelten Macht von Wort und Klang lösen sich Hymnen wie Madrigale aus der Zeit ihrer Umstände und entfachen auch heute in uns das „unsterbliche Feuer“ starker Empfindungen. Die Lobgesänge an die Götter, die Liebe oder die Natur werden zum Spiegel der Wahrheit und der tiefen Fragen des Glücks und der Tragik menschlicher Existenz, ihrer Unsicherheit und Zerbrechlichkeit.
So folgen wir der Musik in ihrem Drang zu einer ausdrucksstarken Tonsprache, die sich von ihrer Textvorlage gleichzeitig entfernt und sich ihr dennoch annähert. Die Musik der Bassklarinette steht für diese textlose Fortführung des Gehaltes in musikalischer Sprache. Die Kompositionen des gesungenen Wortes werden durch die Bassklarinette in sinnvoller Ergänzung und sinnlichem Kontrast erweitert, bereichert oder kontrastiert.


Der Cantico delle creature, der Sonnengesang von Franz von Assisi ist ein in alt-italienischer Sprache verfasster Hymnus, der zu den frühesten Beispielen volkssprachlicher italienischer Poesie zählt. Mit der 1987 entstandenen Vertonung des Sonnengesangs führt uns Petr Eben (1929 – 2007) unmittelbar in die Vielfalt unserer Thematik. Der Lobpreis gerät zu einer Mischung aus Tarantella und Blues. Den Schilderungen der Natur folgt die Musik ganz madrigalhaft textnah und gewinnt aus ihnen Farbigkeit und emotionale Unmittelbarkeit, wie z. B. im Lauf der Sonne, dem Schein des Mondes oder im wehenden Wind.

Ein weiterer wichtiger tschechischer Komponist wird mit seinen Vier Madrigalen nach mährischer Volkspoesie zu hören sein. Bohuslav Martinů (1890 – 1959) versteht es, tschechische Volksmusik mit einer ausgeprägten Rhythmik und einer mit Dissonanzen gewürzten Diatonik spielerisch zu verbinden. So entsteht eine zauberhafte, ganz unverwechselbare Musik. Auch die Texte der Madrigale wechseln unkompliziert zwischen Liebeslied, Natur- und gläubiger Lebensbetrachtung.

Ganz anders hört sich die Welt an, in die Benjamin Britten (1913 – 1976) uns entführt. Die Textvorlage wurde vom englischen Dichter W. H. Auden auf Wunsch des Komponisten geschrieben. Zuerst wird die Heilige Cäcilia, die Schutzpatronin der Musik besungen, um als Stimme der Musik selbst fortzufahren, bezogen auf Cäcilia nach ihrem Märtyrertod und um im dritten Teil dann durch Klage und Gebet um Erlösung und Erneuerung durch die Musik zu ringen. Refrainartig wiederholt sich in allen drei Teilen die Bitte an Cäcilia um ihr Erscheinen, um Visionen und Inspiration der Musiker. Britten schrieb dieses Stück 1941/42, als er aus der Emigration von den USA nach Großbritannien zurückkehrte. All seine Manuskripte wurden dabei von den amerikanischen Zollbehörden konfisziert, aus Angst, sie könnten geheime Codes enthalten. So schrieb Britten die Hymn to St Cecilia während der Überfahrt ein zweites Mal. Britten, selbst am Namenstag Cäcilias geboren, hat daraus in der ihm eigenen Mischung aus rationaler Struktur und hinreißendem Klangsinn ein Stück entwickelt, das um die Unschuld in der Musik ringt. 

Claudio Monteverdi (1567 – 1643) zählt zu unseren Lieblingskomponisten, der möglichst in keinem Programm fehlen darf. Seine Musik lebt von einem starken Gefühl für die Geste, die zugrunde liegende Stimmung und existentielle Dimension, ohne die großzügige und spielerische Qualität der Musik zu verlieren. Das 3. Madrigalbuch erschien 1592 und ist damit das letzte seiner Frühphase, expressiv, dramatisch und von typisch italienischer Melodik. In den beiden Madrigalen auf einen Text von Celiano geht es um den übergroßen Schmerz des Abschieds, der in der sinnlichen Ebene der Töne weit über die beschriebene Situation der Liebenden hinaus führt. Im dreiteiligen Vattene pur, crudel (Torquato Tasso) ringt eine Frau mit ihren Gefühlen, nachdem sie verlassen wurde, und fragt sich nach unzähligen Rachegelüsten und überwältigendem Schmerz, warum sie am Ende dasitzt und weint.

Die Grundidee der madrigaldaktyloskopie von Friedemann Stolte (geb. 1966) liegt in einer Arbeitsweise, die die Vielschichtigkeit unseres Lebens erfahrbar machen will. Was uns als Realität erscheint, ist nur durch Filter wahrnehmbar und daher sehr fragil. Die Daktyloskopie, Begriff für die kriminaltechnische Nutzung des Fingerabdrucks und gleichzeitig Verweis auf das Versmaß des daktylos, steht für den Vorgang des „Abdruck nehmens“. Die Annäherung an die Erscheinungsformen unserer Welt vermag nur Teile zu erfassen und muss daher brüchig bleiben, kann aber doch Unverwechselbares finden. So ertasten die drei instrumentalen Madrigale für die Bassklarinette einen Text, der vorerst nicht zu hören ist. Diese drei Stücke werden erneut zu einer Vorlage für den instrumentalen Abdruck eines Textes, der nun zum Part des Chores gehört. Dieser Text besteht aus drei zeitgenössischen Liebesgedichten, die einem fünfteiligen Sanctus einer Messe von Guillaume Dufay (1400 – 1474) als neue Textschicht eingepflanzt sind – und das nicht ohne Grund. Die Messe hatte ihrerseits eine Vorlage in einem Liebeslied, einer französischen Chanson des 14. Jh.. Diese Technik der „Parodiemesse“ war in jener Zeit sehr beliebt, Der in der Kirche unerlaubte Text war durch die Verwendung des bekannten Melodiematerials stets präsent und wurde daher von der Kirche immer wieder und ohne Erfolg verboten – eine schöne historische Korrespondenz zu unserer Thematik der oszillierenden Formen. In der Konsequenz aus den verschiedenen Schichten dieses Stücks hat sich der Komponist für die Verwendung einer entsprechenden Technik entschieden: das Palimpsest. Dieser Begriff aus der Antike meint das Abschaben von Manuskriptseiten, um sie wiederbeschreiben zu können. Seit dem 19. Jh. wird er als Metapher für geistige und kreative Prozesse benutzt: es bleiben immer Spuren der alten Schichten übrig, die sich in den neuen fortsetzen.

Bessiner Kammerchor e.V.